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ECO*Journal

Wie die Merit Order den Strompreis erklärt

Eine bezahlbare Stromversorgung ist eine der größten Aufgaben unserer Zeit. Ein Schlüssel zum Verständnis der Strompreise ist die Merit Order – das Prinzip, das die Preisbildung am Strommarkt erklärt. Wir zeigen, wie die Merit Order funktioniert und warum sie wichtig für die Versorgungssicherheit ist.

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Inhalt
Das erwartet Sie in diesem Artikel

Was ist die Merit Order und wie funktioniert sie?

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Die Merit Order (auf Deutsch „Reihenfolge der Vorteilhaftigkeit“) ist ein zentrales Prinzip im Energiemarkt, kein Gesetz. Sie erklärt die Reihenfolge, in der Kraftwerke zur Stromproduktion im kurzfristigen Stromhandel (Spotmarkt) eingesetzt werden. Das Modell basiert auf den Grenzkosten der Kraftwerke, also den variablen Kosten, die entstehen, wenn ein Kraftwerk eine zusätzliche Kilowattstunde (kWh) Strom erzeugt. Kraftwerke mit den niedrigsten Grenzkosten kommen zuerst zum Einsatz, gefolgt von teureren Anlagen. Erneuerbare Energien wie Wind- und Solaranlagen stehen dabei an erster Stelle, da ihre Grenzkosten nahezu bei null liegen. Das liegt daran, dass sie ihre Energie direkt aus Wind und Sonne gewinnen und keine fossilen Brennstoffe und Emissionszertifikate benötigen.

Wo wird Strom gehandelt?

Strom wird an verschiedenen Marktplätzen wie beispielsweise Börsen gehandelt. Am Spotmarkt wird Strom für den nächsten Tag (Day-Ahead-Markt) oder die nächsten Stunden (Intraday-Markt) – also den kurzfristigen Bedarf – gehandelt. Am Terminmarkt hingegen kaufen und verkaufen Marktteilnehmer*innen langfristig sowie zu festen Preisen Strom, zum Beispiel für die nächsten zwei bis drei Jahre.

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Merit-Order: Einsatzreihenfolge der Kraftwerke

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Erneuerbare Energien

Erneuerbare Energien stehen im Merit-Order-System in der Regel an erster Stelle, da sie keine Brennstoffkosten verursachen und daher besonders niedrige Erzeugungskosten pro Kilowattstunde (kWh) haben. Wind- und Solaranlagen werden folglich zuerst eingesetzt und können – sofern genügend Sonne oder Wind vorhanden ist – zu niedrigen oder sogar negativen Strompreisen im Spotmarkt führen. Zu ebenfalls günstigen Kosten produzieren Wasserkraftwerke wie die Laufwasserkraftwerke der EnBW.

Aufgrund der wetterbedingten Schwankungen der meisten erneuerbaren Energien wird in der Strommarktanalyse nicht nur der gesamte Strombedarf (Stromlast) betrachtet, sondern auch die Restlast – also die Stromlast abzüglich der erneuerbaren Erzeugung. Diese Größe zeigt, wie viel Nachfrage von flexiblen Kraftwerken oder Importen zu decken ist.

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Das Kraftwerk der EnBW in Stuttgart-Münster wird mit Erdgas, später mit Wasserstoff betrieben. (Foto: EnBW)

Gaskraftwerke

Nach den Erneuerbare-Energien-Anlagen kommen im Merit-Order-System an zweiter Stelle – je nach aktueller Höhe der Gas- und Emissionszertifikatspreise – häufig sogenannte Gas- und Dampfturbinenkraftwerke (GuD-Kraftwerke) zum Einsatz. Die effizienten Gaskraftwerke lassen sich bei Bedarf schnell und kostengünstig hoch- und herunterfahren und können ihre Stromproduktion damit gut an sich veränderte Rahmenbedingungen anpassen.

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Kohlekraftwerke

An dritter Stelle im Merit-Order-System folgen häufig Kohlekraftwerke. Sie verursachen in der Regel höhere Brennstoffkosten als Gaskraftwerke, benötigen deutlich mehr Zeit zum Hoch- und Herunterfahren und haben einen niedrigeren Wirkungsgrad. Erreicht der Gaspreis jedoch eine bestimmte Höhe, sind Kohlekraftwerke manchmal günstiger in der Stromproduktion. Dann sind sie in der Merit Order die zweite Option. Interessant: Ein wichtiger Teil des deutschen Kraftwerkparks sind aktuell noch Braunkohlekraftwerke. Ihre variablen Einsatzkosten bestehen hauptsächlich aus den Kosten der Emissionszertifikate. Sie reihen sich häufig hinter den Erneuerbaren als die nächstpreiswerteste Option in die Merit Order ein.

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Sonstige Kraftwerke

Am teuersten zur Stromproduktion sind in der Regel Turbinenkraftwerke, die entweder mit Gas oder Öl befeuert werden. Sie stehen deshalb an letzter Stelle im Merit-Order-System und werden zur Spitzenlastdeckung genutzt.

Wie bestimmt die Merit Order den Börsenpreis für Strom?

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Im Merit-Order-System erhalten alle eingesetzten Kraftwerke den gleichen Preis für ihren gelieferten Strom (Foto: European Energy Exchange).

Das Merit-Order-Prinzip besagt, dass im Strommarkt zunächst die günstigsten Stromerzeugungsquellen genutzt werden. Steigt die Restlast – also die Stromnachfrage, die nicht durch Erneuerbare gedeckte ist – kommen teurere Kraftwerke zum Einsatz. Die Folge: der Strompreis am Spotmarkt steigt. Sind wieder ausreichend erneuerbare Energien verfügbar, sinkt der Preis wieder. Denn bei der Merit Order bestimmt das sogenannte „Grenzkraftwerk“, das zuletzt benötigt wird, um den Strombedarf zu decken, den Börsenpreis – Ökonomen sprechen auch von einem „Markträumungspreis“. Das Merit-Order-System ist im Grunde ein Einheitspreisverfahren, bei dem alle jeweils eingesetzten Kraftwerke den gleichen Preis für ihren gelieferten Strom erhalten. Die Merit Order ist aber nicht nur für den Spotmarktpreis relevant: Da auf dem Terminmarkt die Erwartung für die zukünftigen Spotmarktpreise gehandelt werden, können über Veränderungen in der Merit Order – etwa höhere Einsatzkosten der Kraftwerke bei steigenden Emissionszertifikatspreisen – auch Schwankungen auf dem Terminmarkt erklärt werden.

Für die Mehrheit der Verbraucher*innen haben Preisschwankungen am Spotmarkt aber keine unmittelbaren Auswirkungen auf ihre Stromrechnung, da ihr Strom meist lange im Voraus zu festen Konditionen beschafft wird.

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Börsenstrompreis in Bezug zur Stromproduktion aus Erneuerbaren

Der Spotmarktpreis für Strom steigt in der Regel, wenn das Angebot erneuerbarer Energien abnimmt – so wie hier Ende Januar und Anfang Februar 2025.
Wie ist die Merit Order entstanden?

Die Merit Order etablierte sich mit der Liberalisierung der Energiemärkte in den 1990er Jahren als zentrales Prinzip der Strompreisbildung. Und obwohl vieles im Energiemarkt gesetzlich geregelt ist, trifft das auf die Merit Order nicht zu. Die Logik der Merit Order folgt den Mechanismen eines Wettbewerbsmarkts: Am Spotmarkt bestimmt das teuerste noch benötigte Kraftwerk, um die Nachfrage zu decken, den Strompreis für alle. Die Merit Order ergibt sich also aus den Marktbedingungen und ändert sich je nach Stromangebot, Nachfrage und regulatorischen Vorgaben.

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Welche Rolle spielen erneuerbare Energien in der Merit Order?

Erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft wirken preissenkend auf den Strompreis am Spotmarkt. Da sie keine Brennstoffkosten sowie Kosten für Emissionszertifikate haben, verschieben sie die Merit Order zugunsten kostengünstiger Technologien. Dies führt dazu, dass teure konventionelle Kraftwerke seltener zum Einsatz kommen und weniger häufig den Strompreis bestimmen. Trotzdem bleiben die konventionellen Kraftwerke ein wichtiges Backup-System, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Wie wirken sich Stromspeicher auf die Merit Order aus?

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Speichertechnologien wie große Batteriespeicher können die Merit Order theoretisch beeinflussen, indem sie die zeitliche Verfügbarkeit von Energie anpassen. Ist die erwartete Produktion erneuerbarer Energien hoch, wird die Merit-Order-Kurve flach, was zu niedrigen oder sogar negativen Strompreisen führen kann. In Zeiten geringer Einspeisung der Erneuerbaren können Stromspeicher Strom ins Netz einspeisen und so prinzipiell teure Kraftwerke verdrängen. Bislang reichen die in Deutschland installierten Speicherkapazitäten aber kaum aus, um preisdämpfende Wirkungen zu erzielen.

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Die Merit Order schafft langfristige Investitionsanreize und unterstützt so den Ausbau der Erneuerbaren Energien. (Foto: Paul Langrock für EnBW)

Welche Vorteile hat die Merit Order?

Durch das Merit Order-Prinzip profitierten die Strompreise von günstigen erneuerbaren Energien und gleichzeitig wird die Energiewende vorangetrieben:

  • Priorisierung bei der Stromproduktion: Die Stromnachfrage wird immer zu den geringstmöglichen Kosten gedeckt. Da erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie nahezu keine Grenzkosten haben, werden sie dank der Merit Order bevorzugt für die Stromproduktion eingesetzt. Dies führt neben dem grundsätzlichen Einspeisevorrang nach EEG dazu, dass erneuerbare Energien inzwischen einen bedeutenden Anteil – 2024 immerhin 62,7 Prozent im Jahresdurchschnitt – der Stromnachfrage decken können.
  • Langfristige Investitionsanreize: Die Merit Order schafft Anreize für eine günstige Stromproduktion. Das Einheitspreisverfahren unterstützt Investitionen in Erzeugungsanlagen für erneuerbare Energien. Denn die profitieren vor allem in den Stunden, in denen konventionelle Kraftwerke mit höheren variablen Kosten den Preis setzen, und erwirtschaften dann einen zusätzlichen Deckungsbeitrag. Durch diesen finanziellen Gewinn entstehen Investitionsanreize für weitere Anlagen. In der Folge kann der Förderbedarf erneuerbarer Energien langfristig sinken oder sogar ganz entfallen.

Gibt es Kritik am Merit-Order-Modell?

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Trotz vieler Vorteile birgt das Merit-Order-System auch Herausforderungen: Solange erneuerbare Energien den Strombedarf nicht vollständig decken können, hängen die Strompreise an der Börse zumindest zeitweise von den Kosten für fossile Brennstoffe ab. Steigen etwa die Gaspreise stark an, können Gaskraftwerke zum preisbestimmenden Faktor für das gesamte System werden – mit teils drastischen Auswirkungen. Ein eindrückliches Beispiel lieferte das Jahr 2022: Der extreme Anstieg der Gaspreise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ließ die Strompreise in ganz Europa in ungeahnte Höhen schnellen und löste eine breite Debatte über das Merit-Order-Modell aus.

Ein weiterer häufig genannter Kritikpunkt betrifft die einseitige Kostenbetrachtung. Das Modell berücksichtigt ausschließlich die variablen Kosten, während beispielsweise Investitionskosten für erneuerbare Energien unberücksichtigt bleiben. Dadurch spiegelt das System die tatsächlichen volkswirtschaftlichen Kosten der einzelnen Energiequellen nur unvollständig wider.

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Welche Alternativen gibt es zur Merit Order?

Die Diskussion über das Merit-Order-Modell hat verschiedene Alternativen in den Fokus gerückt, die Schwachstellen des bestehenden Systems abmildern könnten:

  • Pay-as-Bid: Kraftwerksbetreiber*innen erhalten den Preis, den sie geboten haben, statt des Einheitspreises des teuersten Kraftwerks. Dies könnte Gas vom Strompreis entkoppeln, birgt aber das Risiko strategischer Überbietungen: Anbieter*innen könnten versuchen, ihre Gewinne zu maximieren und so höhere Strompreise herbeiführen.
  • Locational Marginal Pricing (LMP): Die Strompreise richten sich nach lokalen Netzengpässen, statt deutschlandweit einheitlich zu sein. Die räumliche Aufschlüsselung könnte die Effizienz erhöhen, kann aber auch zu starken regionalen Preisunterschieden führen.
  • Staatliche Preisregulierung: Feste Strompreise durch staatliche Vorgaben könnten zwar kurzfristig Preisstabilität bringen, würden aber grundsätzliche Marktmechanismen aushebeln und Investitionen in die Energiewende ausbremsen.

Jede Option bringt Chancen und Risiken mit sich – die Herausforderung bleibt, Marktanreize und Netzstabilität in Einklang zu bringen. Bislang hat sich die Merit Order aus Sicht vieler Akteur*innen am Energiemarkt als das beste Modell erwiesen, da sie den effizienten Einsatz erneuerbarer Energien unterstützt und die Energiewende vorantreibt.

Hängen Merit Order und Redispatch zusammen?

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Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht. Die Merit Order ist ein marktwirtschaftliches Prinzip im Stromhandel. Sie erklärt die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke und zu welchem Preis Strom an der Börse gehandelt wird. Der Redispatch hingegen ist ein „Hilfsmittel“ der Netzbetreiber*innen: Produzieren Solar- und Windkraftanlagen an sehr sonnigen und windreichen Tagen mehr Strom, als einzelne Netzabschnitte verkraften, greifen sie mit dem sogenannten Redispatch ein. Kraftwerke in den überlasteten Netzgebieten reduzieren dann ihre Einspeisung. Gleichzeitig fahren andere Kraftwerke in weniger belasteten Regionen ihre Produktion hoch.

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Titelbild (Foto: European Energy Exchange)

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